Mit dem Fahrrad in und um Köln

Ein Watchblog für Kölner Radverkehrspolitik

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Eilmeldung: Stadt Köln bleibt „fußgänger- und fahrradfreundlich“!

4. Dezember 2014 · 20 Kommentare

Was sich wie eine Meldung aus dem Postillon anhört, ist tatsächlich ernst gemeint: Die Stadt Köln bleibt “fußgänger- und fahrradfreundlich”! So berichten es die “Köln-Nachrichten” und zeigen ein Foto mit vier grinsenden Menschen:

screenshot-köln-nachrichten

(screenshot koeln-nachrichten.de)

 

Die “Kölner Repräsentanten” sind Jürgen Möllers, unser “Fahrradbeauftragter” (2. v.R.) und der Dezernent für Stadtentwicklung, Planen, Bauen und Verkehr, Franz-Josef Höing (2. v.L.). Bei ihm hatte ich mich vor ein paar Wochen über den Leiter des Amts für  Straßen und Verkehrstechnik, Klaus Harzendorf, beschwert, der u.a. meine Rechte nach IFG NRW mißachtete, was in seinem Amt regelmäßig vorkommt. Herr Höing ließ die (negative) Antwort auf meine Beschwerde gleich in Harzensdorfs Amt selbst schreiben. Sowas nennt sich in Köln Klüngel und was in der schönsten (und wahrscheinlich fahrradfreundlichsten!) Stadt Deutschlands funktioniert, das wird auch mit der agfs funktionieren: die Mitglieder zahlen ja schließlich Beiträge und auf den Beitrag der größten Stadt NRWs kann und will man sicherlich nicht verzichten. Da ernennt man lieber die Stadt Marl zum Bauernopfer und schließt sie aus der agfs aus. Immerhin: dort haben sich gar “Experten aufs Rad geschwungen”, um “sich ein Bild von der Radverkehrssituation in Marl zu machen”. Aber: beim letzten Fahrradklimatest des adfc hat Marl mit einer Gesamtbewertung von 3,98 (“ausreichend”) tatsächlich ein klein wenig besser abgeschnitten als Köln (Gesamtbewertung 4,27 – das ist also ganz knapp vor “mangelhaft”). Beide Bewertungen sind weit entfernt von gut und somit auch vom Attribut “fahrradfreundlich“, würde ich sagen.

Ich habe keine Ahnung, wo die “Experten” der agfs sich in Köln “aufs Rad geschwungen” haben, um Köln auf “Fußgänger- und Fahrradfreundlichkeit” zu testen – vielleicht haben Möllers und Höing das auf kölsche Art ja einfach am Schreibtisch oder auf einer Kappensitzung geklärt. Wie “freundlich” man in der autogerechten Stadt Köln mit dem Fahrrad wirklich unterwegs ist, liest man in diesem und in den Nachbarblogs ja regelmäßig, sollte man nicht persönlich in die Vorzüge unserer “phantastischen” Radverkehrsinfrastruktur kommen dürfen, können oder …. wollen.

Das Timing für die gestrige Meldung  war indes perfekt! Im quasi gleichen Atemzug wurde nämlich gemeldet, daß man mitten in der Kölner Innenstadt, am Kümpchenshof, mit den Stimmen von SPD, Grünen und CDU (den drei Kölner Autoparteien) eine fünfte (!) Kfz-Spur einrichten wird, anstatt auch nur irgendetwas für die dort mehr als lächerliche und vor allem irreführende und gefährdende Radverkehrsinfrastruktur zu tun! Und der Radfahrer, der gestern in Ehrenfeld von einem LKW umgenietet übersehen wurde, war auch auf einer “fahrradfreundlichen” Verkehrsanlage (benutzungspflichtig!) unterwegs:

Vorschlag an Herr Möllers und Herrn Höing: nehmen Sie zur nächsten Urkundenübergabe doch einfach mal die Angehörigen der Opfer Kölner Radverkehrsanlagen oder die Opfer selbst, so diese denn überlebt haben, mit. Mich würde interessieren, ob deren Grinsen dann genauso breit ist, wie Ihres! Und eine Kopie der Urkunde macht sich sicherlich an den Kölner Geisterrädern bestens!

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Keine schwerwiegende Ehrenkränkung!

28. November 2014 · 14 Kommentare

Wie aus dem letzten Artikel und der Kommentare ersichtlich, habe ich in den letzten Jahren tatsächlich ein paar Male Verkehrsrowdys und Straftäter im Straßenverkehr angezeigt, bzw. anzeigen müssen.

Ich wollte schon länger über einige Fälle –und vor allem deren allesamt unbefriedigenden, oftmals arg verwunderlichen Ausgang- berichten. Die aktuellen Ereignisse und die Diskussion darüber bestärken mich in diesem Vorhaben. Auch ist mir deutlich geworden, dass ziemlich eindeutige Vergehen, die andere Menschen erlebt und ebenfalls angezeigt haben, meist in unerträglicher Weise von Polizei und Staatsanwaltschaft bearbeitet, abgewiesen und eingestellt worden sind und werden. Ich bin der Meinung, dass die Öffentlichkeit hierüber informiert werden muss und gebe jedem die Möglichkeit, über seine Fälle in diesem Blog als Gastautor (auch anonym) zu berichten. Bitte meldet Euch per E-Mail.

Dieser Zwischenfall ist aus dem Sommer 2013:

Am 18.7.2013 befuhr ich mit meinem Rennrad die Luxemburger Straße in Hürth, von Fischenich aus kommend in Richtung Alt-Hürth. Mein Mitfahrer T. S. fuhr hinter mir. Direkt hinter der Ampel Höhe Industriestraße überholte uns ein weißes Fahrzeug (amtl. Kennzeichen BM-FK xxx) mit nur wenigen Zentimetern Abstand (ca. 15cm) und schnitt mich schließlich, indem es nach rechts zog. Ich fuhr mit ca. 70cm Abstand zum rechten Fahrbahnrand und musste in die Gosse ausweichen. Ich konnte einen Sturz nur knapp verhindern. Die Art und Weise des Vorgangs ließ mich vermuten, dass dieser absichtlich, zumindest aber billigend geschah.

Ich fuhr dem Fahrzeug hinterher, wenige hundert Meter später stockte der Verkehr und ich rief dem Fahrer durch sein geöffnetes Fenster zu: „was soll das?“ und ob er keinen Sicherheitsabstand einhalten könne. Ich forderte ihn auf, anzuhalten, bzw. rechts ran zu fahren, da ich die Polizei rufen wollte. Herr K. antwortete „was willst Du?“ und beleidigte mich mit den Worten „Fick Dich!“. Den Wortlaut der Beleidigung wiederholte ich bei der späteren Vernehmung durch die drei Beamten, Herr K. gab Beleidigung und Wortlaut in deren Beisein zu, ebenso den gefährdenden Überholvorgang.

Herr K. meinte, er würde mit mir zur Polizeiwache fahren, dem stimmte ich zu, wir würden ihm hinterher fahren. Er fuhr dann mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Hermülheim, ich konnte ihm –obwohl ich bis zu 50 km/h fuhr- teilweise nicht folgen und verlor ihn schließlich auf der Bonnstraße, die er in Richtung Hürth Park abgebogen war. Ich kenne mich in Hürth nicht gut aus und weiß nicht, wo die Polizeiwache ist.

Am Busbahnhof auf der Theresienhöhe sah ich ihn dann wieder und forderte ihn auf, anzuhalten, um die Polizei zu rufen. Dort trafen die Beamten dann einige Minuten später ein.

Soweit, so gut und so eindeutig der Text meiner schriftlichen Zeugenaussage einige Tage nach dem Vorfall. Herr K. bemerkte noch recht kleinlaut die Kamera an meinem Helm, wohlwissend, dass dies bedeutete, dass ich recht eindeutige Beweise über seine Vergehen haben könnte. Was er nicht bemerkte, war, dass die Kamera nicht lief (der Akku war nach fast 200km Radtour schlicht leer und die Speicherkarte voll). Auch als ich ihn auf den Namen seines Arbeitgebers, eine große Kölner Automobilfirma, deren Logo auf seinem Shirt zu sehen war, ansprach und erwähnte, dass ich Mitglied in deren Radsportgemeinschaft bin, machte dies ihn recht kleinlaut. Er gab den Beamten gegenüber sowohl das gefährdende Überholen mit 15cm (!!) Abstand, als auch die Beleidigungen zu. Ich sagte ihm im Verlaufe unseres Gesprächs mehrmals, dass wir nicht „per Du“ sind und ich sein Duzen als ehrverletzend und beleidigend empfinde. Den Ausdruck „Fick Dich!“ sowieso.

Die drei Beamten hatten offensichtlich keine große Lust, Ihrer Arbeit nachzukommen. Sie meinten, dass eine Entschuldigung (die Herr K. auf ihr Wirken hin dann tatsächlich auch aussprach) reichen würde, es wäre ja zudem “nichts passiert” und nahmen die Anzeige dann erst auf, als ich darauf bestand. Sie monierten, dass ich keinen Ausweis dabei hatte und relativierten dies erst, als ich sie aufklärte, dass in Deutschland keine Mitführpflicht besteht, indem eine Beamtin meinte, „aber besser ist das schon, wenn wir sie bei einem Unfall aus dem Straßengraben kratzen müssen und nicht sofort identifizieren können“. Aha. Gut, dass mich die letzten 80.000 Kilometer auf dem Rad niemand „aus dem Straßengraben kratzen musste“ und ich an dieser Situation auch nichts zu ändern gedenke. Was auch ein Grund ist, weswegen ich der Meinung bin, dass Verkehrsrowdys wie Herr K. zur Rechenschaft gezogen werden sollten, damit sie auch zukünftig niemanden in den Straßengraben befördern – da bin ich in diesem Falle nämlich tatsächlich nur knapp mit Glück und Fahrkönnen drum herum gekommen.

Das Schreiben der Polizei zur „schriftlichen Äußerung als Zeuge” des Verkehrskommissariat der Polizei Hürth, das mich bereits zwei Tage nach dem Vorfall erreichte und das ich mit obigem Text beantwortete, forderte mich auch auf, den Grund anzugeben, warum ich „nicht den vorgeschriebenen Radweg befahren“ habe. Das war recht einfach zu beantworten:

Der Radweg war nicht benutzungspflichtig.

Und hinter der Kreuzung, an der der Vorfall geschah auch gar nicht mehr vorhanden.
Bereits einen Monat später, am 28. August 2013, stellte die Staatsanwaltschaft Köln durch Oberamtsanwältin Sattler das Verfahren „wegen Beleidigung und Nötigung“ ein, weil „die Erhebung der öffentlichen Klage nicht im öffentlichen Interesse liegt“. Frau Sattler gibt als Grund an, es hätte sich um „rein private Streitigkeiten“ gehandelt, an deren „Aufklärung und Aburteilung die Öffentlichkeit kein Interesse hat“. Der Beschuldigte gäbe an, „verkehrsbedingt gebremst zu haben“ (das kann man durchaus so sehen, denn sonst wäre er, während er mich überholte, nämlich gegen eine Verkehrsinsel gefahren!), dies wäre „nicht mit einer für eine Anklageerhebung notwendigen Sicherheit zu widerlegen“. Und da man einen Zeugen, nämlich den Radfahrer hinter mir, der das alles gesehen hat und die Gefährdung auch bestätigen könnte, schlichtweg nicht vernommen hat –weder schriftlich noch mündlich- stimmt dies dann wohl auch. Wenn man einen Zeugen nicht vernimmt, hat man auch keinen Beweis. Frau Sattler meint dann noch, es bliebe mir überlassen, „unter eigener Abschätzung der Erfolgsaussichten gegen den Beschuldigten im Wege der Privatklage bei dem Amtsgericht vorzugehen.“ Nein Danke, da habe ich dann doch keine Lust zu, Frau Sattler!

Ich fasse also zusammen: Autofahrer überholt Radfahrer mit nur wenigen Zentimetern Sicherheitsabstand, gefährdet ihn dabei und nötigt ihn schließlich, in den Straßengraben zu fahren, beleidigt ihn, was alles bezeugt werden kann. Er gibt das Vergehen vor drei Polizeibeamten zu und …. das ist eine reine Privatangelegenheit und von keinem öffentlichen Interesse! Vielleicht liegt das aber auch einfach nur nicht im Interesse der Staatsanwaltschaft, ihren Job ordentlich zu machen.

Was die Beleidigungen angeht, hat Frau Sattler dann auch noch ein Bonmot für mich parat: „Eine schwerwiegende Ehrenkränkung lag nicht vor.“

Auch wenn sowas nicht als schwerwiegende Ehrenkränkung gilt, ich würde niemals sagen, „Fick Dich, Frau Oberamtsanwältin!“. Dazu bin ich echt zu gut erzogen und habe wohl auch ein etwas anderes Rechtsverständnis.

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Autofahrer als Verkehrsrowdy – Zeugensuche!

24. November 2014 · 14 Kommentare

Nach einem Vorfall auf einer ansonsten phantastischen Rennradausfahrt am letzten Samstag habe ich soeben online eine Anzeige mit folgendem Inhalt erstattet:

Sehr geehrte Damen und Herren:

Am Samstag, den 22. November 2014 befuhr ich gegen 12:08 mit meinem Fahrrad die Wipperfürther Straße aus Richtung Kürten kommend in Richtung Eichhof. In Höhe des dortigen Gewerbegebietes überholte mich und meinen Mitfahrer, der vor mir fuhr, trotz einer angelegten Verkehrsinsel und entsprechend schmaler Fahrbahn ein PKW mit sehr wenig Abstand (30 bis maximal 50 Zentimeter, ich hätte das Fahrzeug in jedem Fall mit dem linken Ellenbogen berühren können, hätte ich diesen angewinkelt).

Ich erschrak und stieß einen lauten Ruf aus („hey“), per Handzeichen machte ich dem Fahrer des Fahrzeugs (ein silberner Opel mit dem amtlichen Kennzeichen GL-TB xxxx) deutlich, dass er mich und meinen Mitfahrer ganz offensichtlich übersehen hatte. Der Fahrer hatte dabei mit mir in seinem Rückspiegel Blickkontakt, das konnte ich sehen.

Das Fahrzeug zog dann nach rechts, hielt mit der rechten Fahrzeugseite auf dem Bürgersteig und der Fahrer öffnete das Fenster auf der Fahrerseite des Fahrzeugs. Der Mann machte einen aggressiven Eindruck, er brüllte mich mit den Worten „was ist los, Du Männlein?“ und „pass auf, was Du machst“ an. Ich entgegnete ihm mit den Worten „wenn ich Ihr Fahrzeug berühren kann, dann ist es kein Sicherheitsabstand“ und machte ihm deutlich, dass sein Überholvorgang, der ohne ausreichenden Sicherheitsabstand vorgenommen wurde, das Leben zweier Fahrradfahrer gefährdet hatte. Er erwiderte “Du hast mein Fahrzeug aber nicht berührt”.

Der Mann stieg nun aus seinem Auto aus, baute sich vor mir auf und beleidigte mich wüst, u.a. mit den Worten „Du Arschloch“ und „Du Spinner“, er meinte außerdem, „dann pass doch auf, wo Du langfährst“ . Ich sagte dem Mann, dass ich mit ihm nicht per Du bin, trotzdem duzte er mich in ehrverletzender Weise weiter und stieß mir sodann mit beiden Händen fest vor die Brust, woraufhin ich mich –mein Fahrrad noch zwischen den Beinen- weit nach hinten auf die Fahrbahn, wo Fahrzeuge fuhren, bewegen musste, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Ich stellte mein Fahrrad im Bankett der Straße ab, ging zurück zu dem Mann und sagte ihm, dass ich ob seines tätlichen Angriffs nun die Polizei rufen würde, während ich mein Mobiltelefon aus der Tasche holte. Er beleidigte mich nun nochmals mit „halt’s Maul Du Arschloch“ und stieß mir ein weiteres mal mit beiden Händen fest vor die Brust. Dann sagte er „Du kannst Dir ja meine Autonummer aufschreiben und die Polizei rufen“, stieg in sein Auto und fuhr davon.

Der Mann ist ca. 50 Jahre alt, ca. 1,90 Meter groß und hat kurze blond/braune Haare.

Ich stelle hiermit Strafanzeige und Strafantrag wegen aller infrage kommender Delikte, insbesondere aber wegen:

  • 315c StGB
  • 185 StGB
  • 223 StGB

Hochachtungsvoll,

Marco Laufenberg

Ich bin sehr gespannt, ob es eine Pressemitteilung der Kölner Polizei geben wird und welchen Wortlaut die haben wird. Wie die Sache verläuft, darüber bin ich nicht gespannt – ich wette eine ordentliche Flasche Rotwein, daß das Verfahren eingestellt werden wird.

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Fahrradfahrer als Verkehrsrowdy – Victim Blaming at it’s best!

11. November 2014 · 73 Kommentare

Dass der Großteil der Kölner Polizei Radfahrer als Verkehrsteilnehmer dritter Klasse sieht, die man durch repressive Kontrollen an schikanösen Stellen wie handtuchbreiten, holprigen, aber dennoch benutzungspflichtigen “Radwegen” diszipliniert oder ihnen gegenüber durch Nichtwissen und Schikane brilliert, ist kein Geheimnis. Sehr, sehr wenige Ausnahmen bestätigen die Regel, ansonsten gilt auch bei unserem “Freund und Helfer” der Grundsatz: Verkehr = Kraftfahrzeug und besonders: Radfahrer = Verkehrsrowdy. Und wenn einem Radfahrer einmal etwas passiert, ist er es meist selbst Schuld – entweder, weil er keinen Helm getragen hat, dunkel gekleidet war oder sonst irgendwie auffällig wurde. Irgendetwas fällt den Beamten da schon ein! So sehen die Pressemitteilungen der Kölner Polizei jedenfalls seit Jahren zwischen den Zeilen aus und wer schon einmal in den “Genuß” kam, von einem Polizisten mit seinem Fahrrad kontrolliert zu werden, der hat entsprechende Aussagen auch schon einmal deutlicher vernommen. Sehr viel deutlicher!

Dass dies aber alles ganz offen ausgedrückt und offensichtliches und sogar zugegebenes Fehlverhalten anderer (stärkerer!) Verkehrsteilnehmer dabei einfach (wider jeglichen Menschenverstand und besonders: Gesetze!) öffentlich ratifiziert und auf keinen Fall geahndet wird, ist neu! Anders ist jedenfalls die Pressemitteilung (POL-K: 141107-5-K) der Kölner Polizei vom 10. November 2014 nicht zu erklären! (auch auf der Facebook Seite der Polizei Köln, incl. bereits einiger deutlicher Kommentare zu finden – das dürften wohl auch noch mehr werden und entwickelt sich bereits zum Shitstorm.)

Der Sachverhalt ist schnell erklärt: Eine Kraftfahrerin überholt mit ihrem PKW einen Radfahrer ohne ausreichenden Sicherheitsabstand. Es findet eine Berührung statt, der Radfahrer verliert das Gleichgewicht und stürzt. Die Kraftfahrerin bemerkt den Sturz, steigt aus, es kommt zum Wortgefecht inclusive “Beleidigungen”.

Der Vorfall fand in der Hartwichstraße in Köln-Nippes statt, hierbei handelt es sich um eine schmale Einbahnstraße, in der sich an beiden Straßenseiten Parkbuchten befinden, die ob des dortigen Parkdrucks auch permanent in Benutzung sind.

Google Street View macht das sehr deutlich:


Größere Kartenansicht

Wie der Vorfall nun aber in der Pressemitteilung im Detail geschildert wird, macht ziemlich fassungslos. Die Mitteilung ist (direkt im Titel) als “Zeugensuche” deklariert und scheinbar hat man den verunfallten Radfahrer gar nicht (mehr) angetroffen, denn

Der Radfahrer ist circa 30 Jahre alt, dunkelhäutig und hat schwarze kurze Haare. Er war bekleidet mit einem grauen Sweatshirt und einer Jeans.

heißt es dort und das klingt nach “Zeugenbeschreibung” und nicht danach, als hätte man den Mann vernommen (dann wüßte man wohl sein Alter und selbst wenn er keinen Ausweis dabei hatte, fällt Kölner Polizisten sicherlich etwas ein, um diesen zügig einsehen zu können). Entsprechend dürfte der Sachverhalt wohl auch eher einseitig, nämlich ausschließlich aus Sicht der Kraftfahrerin geschildert worden sein. Es heißt:

Am Freitagnachmittag (7. November) hat ein Velofahrer in Köln-Nippes nebst seiner Beherrschung auch das Gleichgewicht verloren. Er kippte um und beschimpfte wüst eine Autofahrerin (54) und ihren Beifahrer (48).

Was genau eine “wüste Beschimpfung” ist, wird hier nicht deutlich, denn die angeblichen “Beschimpfungen” werden nicht wiedergegeben. Fragt sich, warum ein Radfahrer das “Gleichgewicht verliert” und einfach “umkippt”. Angenommen, der Radfahrer war nüchtern, hatte keine Gleichgewichtsstörungen und auch sonst keine schwerwiegenden Krankheiten, müßte es wohl einen Grund für das “umkippen” geben, zumal zumindest halbwegs erfahrene (= schon einmal auf einem Fahrrad gesessen) Radfahrer wissen dürften, daß man -gar fahrend- mit einem Fahrrad nicht einfach so “umkippt”. Der mögliche Grund hierfür wird aber schon im nächsten Satz angedeutet:

Gegen 15.20 Uhr befuhr die 54-Jährige mit ihrem Pkw die Hartwichstraße in Richtung Merheimer Straße. “Auf der Einbahnstraße war es sehr eng, sodass ich sehr dicht an dem Fahrradfahrer vorbeigefahren bin. Ich habe ihn aber nicht berührt. Er schlug jedoch plötzlich auf mein Autodach”, äußerte die Erschrockene bei der Anzeigenaufnahme.

Die Dame ist also “sehr dicht an dem Fahrradfahrer vorbeigefahren”. Schaut man sich das obige Bild der Hartwichstraße bei Google Street View an, wird ersichtlich, wie dicht das gewesen sein muß – dort ist schlichtweg kein Platz, einen Radfahrer überhaupt zu überholen, zumindest nicht mit ausreichendem Sicherheitsabstand, der der Rechtsprechung nach mindestens 1,50 Meter betragen sollte. Und selbst wenn der Platz da gewesen wäre: vorausgesetzt, der Radfahrer ist nicht spektakulär anatomisch gebaut und hat Arme wie Tentakeln oder ein großer Affe, wenn er das Kraftfahrzeug berühren konnte, wurde der Sicherheitsabstand mit ganz sicher nicht eingehalten. Solch ein Überholvorgang ist per se schon einmal ein Bußgeld von 30.- Euro wert. Interpretiert man die Verkehrslage als unklar, ist man da mit Gefährdung schon bei 250.- Euro, 2 Punkten in Flensburg und einem 2monatigen Fahrverbot.

Interessant ist hierbei aber die Tatsache, daß dieser Pressemitteilung nach der Überholvorgang ohne Sicherheitsabstand gar nicht mehr vermutet werden muß, denn die Dame wird ja mit ihrer Aussage, mit der sie sich also selbst belastet, zitiert. Demnach ist die Gefährdung mit Vorsatz (“Auf der Einbahnstraße war es sehr eng, sodass ich sehr dicht an dem Fahrradfahrer vorbeigefahren bin.”) und ohne Rücksicht geschehen. Hier wird es interessant, denn bei Vorsatz oder Fahrlässigkeit wird aus der Ordnungswidrigkeit ein Straftatbestand, der in § 315c Abs. 1 Nr. 2 b) StGB geregelt wird. Hier heißt es: “Wer im Straßenverkehr […] grob verkehrswidrig und rücksichtslos […] falsch überholt oder sonst bei Überholvorgängen falsch fährt, […] und dadurch Leib oder Leben eines anderen Menschen oder fremde Sachen von bedeutendem Wert gefährdet, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.”

Die Aussage “Ich habe ihn aber nicht berührt” soll dieses Vergehen wohl relativieren (das ist die übliche Aussage nach solchen Überholmanövern “es ist ja nichts passiert“, die ich sogar schon von zu eng überholenden Polizisten gehört habe – übrigens im Beisein ihres Vorgesetzten auf ihrer Dienststelle), macht es aber nicht. Zum einen ist zweifelhaft (und da bin ich tatsächlich auch Autofahrer und vermag das zu beurteilen), ob die Dame hundertprozentig weiß, daß sie ihn (oder sein Fahrzeug!) wirklich nicht berührt hat (auch nicht z.B. am Lenker?) , zum anderen (und auch deswegen MUSS der Sicherheitsabstand eingehalten werden!) reicht ein geringer Abstand durch Luftsog oder Erschrecken des Radfahrers, ihn zum Straucheln zu bringen. “Er schlug jedoch plötzlich auf mein Autodach” könnte also durchaus das “Berühren” gewesen sein, auch wenn es (eigene Erfahrung) eher nicht so ist. Das Berühren des heiligen Blechs könnte nämlich auch seine Affektreaktion auf die mutmaßlich vorsätzliche Gefährdung durch ein Kraftfahrzeug sein. Das würde dann auch die “Beschimpfungen”, so sie denn stattgefunden haben, erklären. Ich könnte jedenfalls eine verbale, mißbilligende und als beleidigend zu interpretierende Reaktion im Affekt auf einen fahrlässigen Angriff auf meine körperliche Versehrtheit mit einem 1,5 Tonnen schweren Gefährt durchaus nachvollziehen und verstehen.

“Ich setzte meine Fahrt fort, sah jedoch dass der Radfahrer durch den Schlag sein Gleichgewicht verloren hatte und zu Boden gefallen war”, gab die Autofahrerin weiter an. Die Frau eilte dem Gestürzten zu Hilfe. Dieser entgegnete direkt wüste Beschimpfungen und beleidigte auch ihren 48-jährigen Begleiter. Jegliche weitere Kommunikation lehnte der Mann ab.

Der Schlag auf das Autodach scheint jedenfalls nicht so schlimm gewesen zu sein (was auch dafür sprechen könnte, daß es sich gar nicht um einen “Schlag”, sondern um eine “Berührung” gehandelt haben könnte), denn die Dame fuhr weiter und hielt scheinbar erst an, als sie sah, daß der Radfahrer “sein Gleichgewicht verloren hatte und zu Boden gefallen war”. Und für ihre großzügige “Hilfe” werden die Dame und ihr Begleiter also auch noch mit “wüsten Beschimpfungen” bestraft. Wie undankbar!

Alles in allem wird in der Pressemitteilung nicht nur überhaupt gar nicht auf das zugegebene Fehlverhalten der Kraftfahrerin eingegangen, sondern ihre Darstellung als so geschehen mitgeteilt und der Radfahrer von der Polizei als “Verkehrsrowdy” tituliert und somit beschuldigt, ohne daß er sich dazu überhaupt geäußert und verteidigt hätte. Dies obwohl die Unschuldsvermutung auch für Radfahrer (und ja, ich bin sarkastisch: auch für dunkelhäutige!) gilt. “Neutral” geht wohl anders!

Victim blaming” hat sich als Begriff mittlerweile auch in Situationen zwischen Kraftfahrzeugen und Fahrrädern, bzw. stärkeren und schwächeren Verkehrsteilnehmern durchgesetzt und findet hier wieder mal einen traurigen Höhepunkt von einer Seite aus, die eigentlich zur Neutralität verpflichtet wäre. Man kann sich bei der Kölner Polizei -wie in der Pressemitteilung erwähnt- nicht nur melden, wenn man den Vorfall als Zeuge beobachtet hat oder den von der Kraftfahrerin vorsätzlich gefährdeten Radfahrer Verkehrsrowdy kennt, man kann sich bei der Pressestelle auch melden, wenn man zu dem Fall Rückfragen hat: Telefon: 0221/229 5555 e-Mail: pressestelle.koeln@polizei.nrw.de. Dies sollten doch möglichst viele Menschen tun.

Ein Textbaustein, der dann als Antwort verschickt wird, beinhaltet die Aussagen:

Hier wurde Strafanzeige wegen Beleidigung, die durch den Fahrradfahrer begangen wurde, erstattet.

Selbstverständlich prüft die Polizei in diesem Zusammenhang alle verkehrs-/strafrechtlichen Verstöße.

Derzeit sucht die Polizei Zeugen und den beteiligten Radfahrer, um den Gesamtsachverhalt aufzuklären.

Es steht jedem Menschen frei, zusätzlich eine Strafanzeige/Strafantrag gegen die Kraftfahrerin und eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Beamten, die die einseitige Berichterstattung vorgenommen haben, einzureichen. Dies geht bequem und online. Ich werde dies nach Verfassen dieses Artikels tun. Sollte der Radfahrer diese Zeilen lesen, würde ich mich sehr freuen, wenn er sich vertrauensvoll bei mir meldet, um ggf. seine Sicht der Dinge darzustellen oder auch einfach nur Rückhalt in der Sache zu bekommen.

In sozialen Netzwerken, Foren, etc. wird dieser Fall bereits ausführlich diskutiert, fraglich, ob in der Presse etwas davon ankommt – wünschenswert wäre es. Ein weiterer aktueller Fall von victim blaming geht dabei jedoch unter, denn in einer anderen Pressemitteilung mit dem Titel “Junger Radfahrer fuhr ohne Licht – vom PKW erfasst” (POL-K: 141110-2-K) heißt  es:

Ein junger Radfahrer (14) ist am Samstagabend (8. November) in Köln-Longerich von einem Pkw erfasst und schwer verletzt worden. Nach ersten Ermittlungen war der Jugendliche ohne Licht unterwegs.

Der Grund, daß der Radfahrer (also das Opfer) von einem PKW erfasst wurde, ist scheinbar, daß er “ohne Licht unterwegs” war. Es wird weiter berichtet:

Gegen 19 Uhr befuhr ein Autofahrer (62) die Militärringstraße in Richtung Ossendorf. Als er nach rechts auf die Mercatorstraße abbiegen wollte, übersah er offensichtlich den dunkel gekleideten Radfahrer, der in diesem Augenblick die Fahrbahn überqueren wollte. Nach Zeugenangaben fuhr der Jugendliche trotz Dunkelheit ohne Beleuchtung. Der 14-Jährige wurde von dem Pkw aufgeladen und schleuderte mit dem Kopf gegen die Frontscheibe. Der Jugendliche, der keinen Helm trug, wurde mit schweren Verletzungen in ein Krankenhaus eingeliefert.

Wenn man das liest, bzw. nicht weiß, wie man das lesen muß, ist man geneigt zu sagen: “selbst Schuld“. Schließlich war der junge Mann (in dieser Reihenfolge) “dunkel gekleidet“, sowie “ohne Beleuchtung” unterwegs und er trug auch “keinen Helm“. Es gibt nun allerdings keine Regeln, die es Radfahrern untersagen, sich dunkel zu kleiden oder keinen Helm zu tragen. Somit dürften diese Umstände kaum zur Begründung, Ursachenforschung oder gar Schuldzuweisung reichen, bzw. beitragen. Selbstverständlich möchte ich keinesfalls zum Ausdruck bringen, daß es nicht sinnvoll wäre, ein gutes Licht am Fahrrad zu haben – im Gegenteil. Ich bezweifle allerdings, daß das fehlende Licht ursächlich für den Unfall ist, denn was die Pressemitteilung der Kölner Polizei verschweigt, ist, daß es sich bei der Unfallstelle (hier gibt es übrigens einen für den Radfahrer vorfahrtsberechtigten Überweg) um eine Art “Zubringer” oder auch “Beschleunigungsspur” für die großzügig ausgebaute Mercatorstraße handelt. Und was ich aus eigener Erfahrung (ich fahre dort regelmäßig lang) sagen kann, ist, daß dort von Kraftfahrzeugen vor allem eines gemacht wird: es wird beschleunigt!

Überweg Mercatorstraße

Überweg Mercatorstraße

Die Fotos zeigen den Übergang bei Tag (zur Fahrradsternfahrt 2012), oben von wo aus man kommt (der Übergang befindet sich rechts, ich komme dort üblicherweise immer von geradeaus, der Militärringstraße folgend) und unten den Übergang selbst. Er gehört zum benutzungspflichtigen “Radweg” der Militärringstraße, man muß diesen Zubringer zur Mercatorstraße also überqueren, wenn man der Militärringstraße geradeaus folgen möchte. Dies tut man aber dort aber auch als Fußgänger, die im Normalfall nun einmal weder beleuchtet und häufig dunkel bekleidet sind, sowie selten einen Helm tragen. Wie sähe die Pressemitteilung der Polizei nun aus, wenn es sich nicht um einen Radfahrer, sondern um einen (nicht mehr oder weniger sichtbaren) Fußgänger gehandelt hätte? In diesem Falle von letzter Woche nur ein wenig anders:

Gegen 18.10 Uhr überquerte der Fußgänger den Deutzer Ring an der Kreuzung Gießener Straße bei “Grün”. Der 43-jährige BMW-Fahrer bog zu dieser Zeit nach links auf den Deutzer Ring ab. Hierbei bemerkte er nach eigenen Angaben zwar die grüne Fußgängerampel, den dunkel gekleideten Fußgänger sah er aber nicht.

Immerhin wird auf den Zusatz “der Unfall hätte durch neongelbe Kleidung wahrscheinlich vermieden werden können” verzichtet. Es wird auch nicht auf den fehlenden Helm verwiesen.

Bei dem Unfall des 14jährigen Jungen kommt dazu: das Licht des Fahrrads hätte vermutlich nach vorne und hinten, nicht aber zur Seite gestrahlt. Hier wären also Reflektoren von wesentlicherer Relevanz gewesen, als die fehlende Beleuchtung. Dies wird in der Pressemitteilung mit keinem Wort erwähnt. Ebensowenig die Geschwindigkeit des Fahrzeugs auf der Beschleunigungsspur, wo doch die Geschwindigkeit eines Fahrzeugs von nicht unerheblicher Bedeutung für eine Unfallursache sein könnte, wie ein Unfall in der letzten Woche eindrucksvoll belegte. Deutlicher in diesem Fall (“die rasten mit 100 Sachen über den Gehweg”) wird der Kölner Express hier.

Die Polizei Köln hat also Lösungen parat:

Der Verkehrsunfall zeigt, dass der Zusammenstoß möglicherweise hätte vermieden werden können, wenn an dem Fahrrad die entsprechenden Beleuchtungseinrichtungen vorhanden und eingeschaltet gewesen wären. Die Polizei Köln weist in diesem Zusammenhang nochmals eindringlich darauf hin, dass in der dunklen Jahreszeit ein verkehrssicheres und technisch einwandfreies Fahrrad sowie helle Kleidung maßgeblich zur Sicherheit im Straßenverkehr beiträgt.

Natürlich schreiben sie “möglicherweise” und weisen ganz sicher auf eine sinnvolle Sache, nämlich eine funktionierende Lichtanlage hin. Andere Möglichkeiten der Vermeidung (angepasste Geschwindigkeit, angemessene Fahrweise, Betriebsgefahr, unübersichtliche Verkehrsführung für schwächere Verkehrsteilnehmer, etc.) werden aber gänzlich nicht erwähnt. Und ich kann -als jemand, der da oft mit dem Fahrrad lang fährt- aussagen, daß ich dort regelmäßig von Kfz “übersehen” werde. Sowohl tagsüber, als auch abends/nachts mit ordentlicher Lichtanlage und jeder Menge Lametta  leuchtend und blinkend.

Victim blaming at it’s best!

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In eigener Sache: Fahrrad fahren!

12. Oktober 2014 · 6 Kommentare

Drei Monate ohne Artikel. Und ich bin in Kommentaren, per e-Mail und auch persönlich nach dem ersten Lebenszeichen gegrüßt worden, mit den Worten “schön, daß Du wieder da bist!“. Natürlich war ich aber nie weg.

Ich mache mir nichts vor, die Arbeit, die dieses Weblog verdienen würde, ist ein Fulltimejob – selbstverständlich unbezahlt, da ehrenamtliches Engagement- man darf sicherlich sagen “Aktivismus”. Auch wenn mir persönlich dieses Wort immer zu sehr mit der erhobenen Faust daher kommt und man damit leicht in eine Schublade gesteckt wird, womit ich ein ernstes Problem hätte. Anyway, ich werde auch weiterhin jedes Angebot, Werbung zu schalten oder bezahlte Artikel (z.B. über Produkte wie Helme, *lol*) zu schreiben, ablehnen und meiner Linie treu bleiben. Dazu gehört vor allem: unabhängig zu sein (was nicht heißen soll, daß ich keine Hilfe oder Unterstützung annehme) und ein gewisses journalistisches Level zu halten. Dazu gehört Recherche und die ist zeitaufwendig und -wenn man es mit Verwaltung oder Polizei in Köln zu tun hat- auch nervenaufreibend. Und natürlich habe ich ein Berufs- und ein aufregendes Privatleben, womit ein großer Teil meiner Zeit abgedeckt ist. Dazu kommt noch die schönste Sache der Welt, der ich so oft wie möglich nachgehen möchte: Fahrrad fahren! Und obwohl dies ja ein “verkehrspolitisches Weblog” ist, möchte ich davon heute tatsächlich einmal berichten – ein kleiner Exkurs darf mal sein!

Ich habe also den Sommer (für mich beruflich generelle eine etwas auftragsärmere Zeit) genutzt, um einige großartige Erlebnisse auf dem zu Fahrrad haben. Vor ein paar Jahren hatte ich ja schon einmal von dem tollen Gefühl berichtet, 10.000 Jahreskilometer auf dem Fahrrad vollgemacht zu haben – das ist mittlerweile nichts aufregendes mehr, in den letzten Jahren waren es immer 15-16000km und sofern ich keinen gesundheitlichen Einbruch erleide, werden es dieses Jahr wohl eher 17-18000km sein. Das Ziel war dieses Jahr eher, konstant ein Level zu halten, sowohl was die Fahrleistung, besonders aber die körperliche Leistung angeht. Das ist mir in jedem Fall gelungen – ich bin so fit (und so leicht) wie noch nie in meinem Leben und mein Hausarzt ist stolz auf mich. Was will ich mehr nach 18 Jahren des Kettenrauchens (fast auf den Tag vor 7 Jahren damit aufgehört)?

Meine Hausrunde auf dem Rennrad ist 80km lang mit etwas über 1.000 Höhenmetern, die fahre ich 1-2 mal die Woche und zwar so, daß ich -im Vergleich zu früher- danach eben nicht platt bin, sondern bereit für die Aufgaben des täglichen Lebens. Dazu kommt mittwochs eine oftmals knackige und auch ambitionierte 100km Runde mit der Chaingang durch’s Bergische Land, die auch schonmal einen Schnitt von 33km/h haben kann – da schmecken Pizza und Weizenbier danach ganz besonders, während das (leichte!) Zwicken in den Beinen am nächsten Morgen schnell vorbei ist.

Dieses Jahr stellte ich mich -radsportlich- dann aber noch besonderen Aufgaben. Erlebnis Nummer 1: Mit dem Rennrad in die Alpen. Aus einer Schnapsidee wurde zunächst ein Plan und dann tatsächlich Wirklichkeit. Am 14. Juli 2014 startete ich, nur mit leichtem Gepäck im Rucksack, auf dem Rennrad nach Gerlos ins Zillertal. Die Route hatte ich vorher am PC ausgearbeitet, über ein Rennrad-Forum ein paar Tips erfragt und dann noch einmal etwas überarbeitet. Auf dem Papier, bzw. meinem Fahrradcomputer stand nun also ein Track von 880km Länge mit über 12.000 Höhenmetern – diesen wollte ich in vier Tagen fahren, dann einen Tag dort dort bleiben, um am nächsten Tag mit dem Auto zurück nach Hause mitgenommen zu werden.

Gesagt, getan und morgens um 11:24 Uhr (viel zu spät!) gestartet. Ich musste also über 200km am Tag fahren. Das an sich ist nicht das Problem, das habe ich schon öfters gemacht, da standen nun aber auch noch einige Höhenmeter zur Debatte und die Unwägbarkeiten des Wetters kamen auch noch hinzu. Vorneweg: besseres Wetter hätte ich kaum haben können! Am ersten Tag waren die Straßen noch nass, was in den Abfahrten des Westerwaldes durchaus einiges an besonderer Aufmerksamkeit erforderte, später waren die Bedingungen quasi perfekt: ein heiterer Himmel und Temperaturen um 25° – ich habe nicht einen einzigen Regentropfen abbekommen! Die erste Etappe führte mich 195km immer auf und ab über Bergisches Land und Westerwald bis nach Wetzlar. Die zweite Etappe 215km über Vogelsberg und Spessart bis nach Nordheim an die Mainschleife, wo ich idyllisch auf einem kleinem Weingut übernachtete.  Die dritte Etappe kürzte ich dann tatsächlich ab und überbrückte 50km mit dem Auto, da ich in das Gästezimmer von Freunden in der Nähe von München eingeladen worden war und ich -bedingt u.a. durch zwei Reifenpannen- doch wirklich sehr spät angekommen wäre, was gehießen hätte: weniger Zeit zum Reden, Essen und nen ordentlichen Wein aufmachen. Trotzdem standen 265km (bis in die Nähe von Augsburg) auf dem Tacho und diese Etappe war dann vielleicht sogar die Schönste: das erste Auto überholte mich nach exakt 47km. Allein auf aspahltierten Straßen durch phantastische Landschaft, so darf es sein! Vor der letzten Etappe hatte ich irgendwie Angst, denn schließlich ging es in die Alpen und das hatte ich noch nie gemacht, da hatte ich gehörigen Respekt vor. Letztlich war dieser Tag der einfachste, bis Zell war ich mit einem Schnitt von 30km/h unterwegs, der Achenpass war quasi lächerlich einfach zu fahren, da er einfach nur stetig aber mäßig bergauf geht. Auf der folgenden Abfahrt hatte ich einen freundlichen Kraftfahrer hinter mir, der mir stoisch hinterher fuhr und mich vor gefährdend überholenden Kfz abschirmte (ich bin mir sicher, er hat meine “Dankesgeste” am Ende der Abfahrt verstanden) und dann stand “nur” noch der Gerlospass, der finale Anstieg, an. Rund 600Hm auf 7km, die flüssig zu fahren waren – selbst mit über 800km in den Beinen. Hier hatte ich dann tatsächlich die einzigen unschönen Erlebnisse mit Kraftfahrern – Urlauber, die “schnell, schnell” irgendwohin müssen und Dich -wenn überhaupt- als stehendes Hindernis wahrnehmen, an dem man mit wenigen Zentimetern Abstand vorbeirauschen kann. Davon lies ich mir die Laune allerdings nicht verderben und genoß nach 145km um Punkt 17:15 Uhr bei strahlendem Sonnenschein mit Blick auf leicht schneebedeckte Gipfel mein Zielbier und war definitiv … glücklich!

Klare Ansage! Irgendwo in FRanken ...

Klare Ansage! Irgendwo in Franken …

 

Mein Fazit dieser Reise, bei der ganz klar der Weg das Ziel war: ich lebe in einem wunderschönen Land und das Gefühl, dieses aus 25-30 km/h zu erleben, ist wahrhaft kaum in Worte zu fassen!

Erlebnis Nummer 2: 24 Stunden-Rennen am Nürburgring. Wenn ich mich mit Menschen über die Leidenschaft (Renn)Radfahren unterhalte, ist meistens spätestens die dritte Frage: “Fährst Du auch Rennen?”. Und da verneine ich regelmäßig. Nicht, daß ich mich nicht gerne mit anderen messen möchte, aber in den Pelotons der Jedermann-Rennen, wie “Rund um Köln” geht es doch manchmal ganz ordentlich chaotisch zu und ich habe einfach keine Lust, zu stürzen, weil mein Vordermann keine Erfahrungen im Gruppen fahren hat und abrupt bremst oder sich verschaltet. Das ist mir einfach zu viel Nervenkitzel. Ich bin einmal das Hobbyrennen des “Großen Preis von Köln-Mülheim” gefahren, mit dem Ziel “nicht letzter werden und nicht die Fresse fliegen” (beides geschafft), da sind aber letztlich nur überschaubare 40 Leute mitgefahren.

Am Samstag, den 26. Juli hatte ich Geburtstag, auf eine wirkliche Feier hatte ich keine Lust, aber eine Kleinigkeit zu unternehmen fand ich nicht schlecht. Ein Plan war, mit meinem Rennradfreund Jens den Abend vorher mit den Rädern nach Würselen auf ein Maceo Parker Konzert zu fahren, ordentlich reinzufeiern und den Zug nach Hause zu nehmen. Mittwochs vorher, bei unserer Trainingsrunde, sagte Jens mir ab. Begründung: “ich bin Ersatzfahrer eines Viererteams bei ‘Rad am Ring‘”, da hätten mehrere Teams ein eigenes Camp, mit großem Zelt, Köchin, etc. und Jens wollte freitags schon hin.

Beim Bier nach der Trainingsrunde schlug Jens einfach vor, “wir können ja ein Zweier-Team bei Rad am Ring machen”. Ich fand den Gedanken gar nicht schlecht und meinte noch “klar, das ist ja einfacher als ein Viererteam“. Dämlicher Denkfehler!

Wir reisten freitags an. Das Camp bestand aus 3 Viererteams, davon eins weiblich, uns und einem Einzelfahrer (ebenfalls ein Freund), sowie unserem Team-Captain, der später immer per Software die Rundenwechsel ankündigte, Fahrer weckte, etc. Außerdem eine fantastische Küchenfee, die alle unsere Wünsche, auch meine vegetarischen, auf den Punkt zubereitete und uns perfekt verpflegte. Wir schrieben uns ein und zahlten die Anmeldegebühr, brauchten noch einen Teamnamen und “Die drei Zwei” war dann bescheuert genug (das fand der Zielsprecher rund 40 Stunden später übrigens auch ;-))

Das Reinfeiern in meinen Geburtstag fand also am Nürburgring statt, ich hatte 2 Fässchen Kölsch mitgebracht, da wurde sich auch durchaus von allen dran bedient, aber doch eher verhalten. Jens und ich schlugen dann also dem Anlaß entsprechend zu und das Kölsch floß zum Grillgut und ab Mitternacht zu meinen Ehren. Happy Birthday!

Den Satz “Zelt brauchste nicht, da ist Platz genug” werde ich mein Leben lang nie wieder ernst nehmen! Letztlich schlief ich mit unserem Teamcaptain (knapp so groß wie ich) in einem doch eher kleinen Zelt, dessen Boden eine leichte Neigung hatte. “Schlafen” kann man das also nicht wirklich nennen, eher 3 Stunden Power-Nap, naja, eher nur “Nap”, denn ab 8 Uhr steppte der Bär am Ring: zuerst waren die Läufer in verschiedenen Kategorien dran, dann die Radrennen der Jugend und über die Distanzen, bis endlich mittags um 13:15 die 24 Stunden-Fahrer, also wir, an die Reihe kamen. Ich hatte mit Jens besprochen, daß wir immer abwechselnd auf die 26,1 km lange Runde über die legendäre Nordschleife mit knapp 600Hm gehen und er sollte den Anfang machen – ich hatte nicht so die Lust auf einen Massenstart (da fuhren insgesamt mehrere Tausend Leute mit) und hoffte auf Entzerrung ab der zweiten Runde.

Der Start war grandios und wurde bei bestem Wetter groß zelebriert, ich filmte und genoß, wie sich diese Menge an Radsportverrückten endlich in Bewegung setzte, in der Gewißheit: in einer Stunde bin ich selbst dran! Die Stunde nutzte ich dann, mich fertig zu machen: Klamotten an, ein letzter Check des Rades, noch einen Kaffee und nen Snack und … warten auf Jens. Der kam dann auch, schnell den Transponder an mein Bein gewechselt und ab ging’s! Zuerst mußte ich noch ein paar hundert Meter durch’s Fahrerlager, parallel zur Start-Ziel-Geraden und dann …. ging’s erstmal hauptsächlich bergab. Es gab zwar ein paar kleinere Gegenwellen, aber im Großen und Ganzen fährt man zu Anfang eher runter.Ich kannte den Kurs überhaupt nicht, hatte nur immer wieder in äußerst respektvollem Ton “Fuchsröhre” gehört und wußte, daß da was gewaltiges auf mich zu kam, nur was genau, das wußte ich nicht! Der Kurs war gut zu fahren, dennoch ließ ich es natürlich vorsichtig an, zum einen, weil ich ihn nicht kannte und zum anderen, weil ich wußte “das geht noch fast einen ganzen Tag so”. Da sollte ich Kräfte sparen, sowohl an der Physis, als auch an der Psyche. Ich war schnell, ich hatte Spaß, das Wetter war klasse, der Asphalt perfekt. Um mich herum jauchzende Frauen und Männer auf Carbon, Alu und Stahl. Eine leichte Rechtskurve und dann sah ich in den Abgrund! Ein paar Sekunden dachte ich an freien Fall, konzentrierte mich, mein Rad in der Spur zu halten, schielte auf meinen Tacho, der zwei Achten zeigte und …. bemerkte mehrere Jungs, die sich an mir vorbei schoben. Wahnsinn! Die Gegenwelle der Fuchsröhre fliegt man ob des Schwungs noch mit rund 4o km/h hoch, das ist auch ganz locker der Schnitt, den man ungefähr bis zur Hälfte des Kurses erreichen kann, und dann geht es auf zur Hohen Acht!

An diesem Anstieg, in der Spitze ca. 18% Steigung, sollte ich in den nächsten 24 Stunden einiges an Not und Elend sehen und viel Genugtuung erfahren. Ich bin in allen 12 Runden, die ich gefahren bin, nicht einmal abgestiegen (am nächsten Morgen wurde dort teilweise in Zweierreihen geschoben) und nur wenige Fahrer haben mich überholt. Auch die Verpflegungsstation auf der Höhe habe ich nie aufgesucht – Regeneration sollte es nur im Camp geben, auf der Strecke wollte ich leiden, das war der Vorsatz.

Wirklich gelitten habe ich tatsächlich nicht, obwohl es noch einige Stellen gibt, die Körner kosten. Der Schlußanstieg zur Döttinger Höhe, z.B., der noch einmal die letzten Reserven aus den Beinen saugt und an dem ich nicht einmal ein passendes Hinterrad gefunden habe, während mein Hinterrad da meist sehr beliebt war …

Ab in die Fuchsröhre!

Ab in die Fuchsröhre!

 

Es war atemberaubend, soviel war klar. Meine erste Runde hatte ich in Unkenntnis der Strecke mit sehr viel Respekt und frischen Beinen (wenn auch mit verkatertem Kopf und wenig Schlaf) in 49 Minuten absolviert. Die 2. Runde war 5 Sekunden langsamer und ab der dritten war mir klar, daß ich mit meinen Kräften haushalten mußte. Das Wetter sah stabil aus (und wurde eher besser als schlechter), aber die Nacht würde einiges an zusätzlicher Konzentration fordern. So fuhren wir unsere Runden, ich pendelte mich bei Zeiten von 55 Minuten ein, Jens bei 65 Minuten. Es machte einen unglaublichen Spaß immer eine Runde lang diesen Verrückten zuzuschauen und die nächste Runde zu ihnen zu gehören. Es folgte ein phantastischer Sonnenuntergang über der Eifel, das THW baute Flutlichter an den drei gefährlichsten Stellen auf und den Rest der Strecke war es dunkel. Der Fahrweg nur erleuchtet durch eine ordentliche BUMM und die Rücklichter der Fahrer vor mir. Ich fahre öfters im Dunkeln, schließlich fahre und trainiere ich ja das ganze Jahr über, aber es hat schon einen besonderen Reiz, in dieser Situation Abfahrten mit 60-90 km/h zu nehmen und es erfordert Konzentration und ein Haushalten mit den schwindenden Kräften. Die Sportfotos, die von mir gemacht wurden, zeigen mich tagsüber meist faxen machend, aber nachts … durchaus leidend, keine Frage!

Nachts über die Nordschleife

Nachts über die Nordschleife

 

Wir hatten beschlossen, daß nachts jeder einmal zwei Runden hintereinander fährt, damit der andere jeweils ein wenig schlafen kann. Die 1,5 Stunden Schlaf (auf einem Anhänger!) waren tatsächlich recht erholsam, nur: ich war grade einmal 2 Minuten wach, als Jens schon für den Wechsel parat stand, ich aber defintiv noch ein paar Minuten und nen Kaffee brauchte, bevor ich mich ins Getümmel stürzen konnte. Ebenso war es, nachdem Jens sich hingelegt hatte und somit verschenkten wir nachts ca. eine halbe Stunde mit dieser Standzeit. Das war aber ja nicht schlimm, denn wir fuhren ja schließlich “just for fun”.

Irgendwann im Morgengrauen schaute ich mal online in die Wertung (die auf der Website nahezu in Echtzeit aktualisiert wurde) und stellte fest, daß unser Team “Die Drei Zwei” auf Platz 32 der Zweierteams stand! Das war bei rund 140 Teams und der Tatsache, daß wir unambitioniert und angeschlagen von Geburtstagsfeierei gestartet waren, wirklich richtig gut! Das Wertungsprinzip ist recht einfach: zunächst gilt die Anzahl der absolvierten Runden und dann die Zeit. Ab 23:30 Std. wurde auf der Zielgraden abgewunken, d.h. wer bei 23:29:59 die Ziellinie passiert, darf die Runde noch zu Ende fahren und hat dafür dann 75 Minuten Zeit. Hochgerechnet wurde mir klar, daß wir es schaffen könnten, auf eine 24. Runde zu gehen, wenn wir in den nächsten Stunden ans Limit gehen würden – wir mußten die bei den nächtlichen Wechseln verschenkte Zeit wieder wettmachen! Und das taten Jens und ich dann in den nächsten Stunden! Runde um Runde kämpften wir uns heran, trotzten der sengenden Vormittagssonne und der bevölkerten Strecke, denn mittlerweile waren auch noch die Touristikfahrer auf die Strecke gelassen worden, die potentiell langsam und genußvoll ihre Runden drehten. Wir kämpften gegen die Hohe Acht und forderten von den dort am Streckenrand stehenden Zuschauern lauteres Anfeuern. Ich übergab nach Runde 22 mit 5 Minuten Vorsprung an Jens, d.h. er hatte 65 Minuten Zeit, damit ich dann tatsächlich in Runde 24 gehen könnte. Das war das, was er nachts in seiner schwächsten Phase gefahren war, sollte also zu schaffen sein! Letztlich übergab er mir 8 Minuten vor dem Zeitlimit den Transponder – wir hatten es geschafft! Ich ging also tatsächlich in die letzte Runde und -da mache ich keinen Hehl draus- die Tränen liefen mir die Wangen herunter! Das war bis dahin das größte sportliche Ereignis meines Lebens! Dachte ich ursprünglich daran, diese letzte Runde als “Tour d’honneur” locker runter zu fahren (ich hatte schließlich über 75 Minuten Zeit), beschloß ich letztlich, auch meine letzte Runde unter einer Stunde zu bleiben, was mir problemlos gelang. Jens wartete an der Zielgraden auf mich und so fuhren wir dann gemeinsam, Hand in Hand über die Ziellinie, registrierend, daß der Sprecher noch einen Spruch über unseren mehr als dämlichen Teamnamen parat hatte. Wir bekamen Medaillen umgehängt – standesgemäß von einer Hostess und ließen uns dann das Zielbier, das Jens im Turnbeutel auf seinem Rücken verstaut hatte, schmecken. Der Blick online in die Wertung zeigte dann tatsächlich: Platz 22! Wir hatten mit Platz 3o geliebäugelt und somit war das für uns wirklich eine Sensation! In unserer Altersklasse landeten wir gar auf Platz 8 und bei den Viererteams hätten wir zu Zweit über 400 Teams hinter uns gelassen – nicht schlecht für zwei ehemalige Kettenraucher!

Die Zieldurchfahrt nach etwas über 24 Stunden!

Die Zieldurchfahrt nach etwas über 24 Stunden!

 

Ein wahnsinniges Erlebnis und wenn nichts dazwischen kommt, dann möchten wir das nächstes Jahr wederholen und vielleicht ein wenig draufsetzen: 25 Runden sollten doch zu schaffen sein!

Auch sonst genieße ich es, so oft wie möglich auf dem Rad zu sitzen, auch -und besonders interessiert an den dortigen Verhältnissen- in fremden Städten, wenn ich dort beruflich zu tun habe. So schreibe ich diese Zeilen in Berlin, wo mein Freund Klaus, der einen Rennradverleih hat und Radurlaube organisiert und für den ich sehr gerne hier Werbung mache, immer ein Rad in meiner Größe für mich stehen hat. Auch in Baden-Baden war ich wieder für ein paar Tage und hatte ein Rennrad mit, um den nördlichen Schwarzwald unter die Räder zu nehmen. Es ist erstaunlich, was sich in anderen Städten, besonders in der vermeintlichen Provinz, in Sachen Radverkehr tut. Gab es in Baden-Baden noch im letzten Jahr jede Menge benutzungspflichtiger Radwege, sind die mittlerweile fast alle entschildert und der Radverkehr findet -wie es sein sollte- fast ausschließlich und wie selbstverständlich auf der Fahrbahn statt. Übrigens ohne irgendwelche Probleme. In Berlin wurden Benutzungspflichten auf sechsspurigen Straßen wie dem Kaiserdamm aufgehoben und ich kann -problem und gefahrlos und vor allem legal- mit Tempo 40 mit dem Kfz-Verkehr mitschwimmen oder aber auf dem “anderen Radweg” (der immer noch in weit besserem Zustand und vor allem breiter ist als die meisten Kölner benutzungspflichtigeen Radwege) dahin cruisen. Toll! Und vor allem, im Vergleich zu Köln, massivst entspannt! In Köln hingegen werden pro Jahr 20km “Radwege” im Schneckentempo auf “Benutzungspflicht geprüft” und man versucht (trotzdem sich Köln an sich immer sehr gerne für den Nabel der Welt hält) krampfhaft, den Kfz-Verkehr nicht durch Fahrräder zu beeinflußen. “Radfahren in der Provinz”, basierend auf Erlebnissen in anderen Städten wäre mir schon fast eine eigene Rubrik wert und es das würde wohl deutlich zeigen, wie provinziell die “nördlichste Stadt Italiens” in Wirklichkeit ist, allein: mir fehlt die Zeit!

Es erwartet Euch also einiges: ich werde über den Vorfall vom Anfang des Jahres weiter berichten, als ich in Handschellen abgeführt wurde, nachdem ich den “Radweg” am Hohenzollernring nicht benutzte und es gibt noch ein gutes Dutzend Geschichten aus der Stadtverwaltung. Skandale und Skandälchen. Schildbürgerstreiche, Ignoranz und Dummheit – da ist eigentlich alles dabei und die Beteiligten können durchaus froh sein, daß ich in meinem Leben noch anderes zu tun habe, als dieses Weblog zu befüllen. Aber keine Angst, bzw. kein Hoffen, ich werde hierfür auch wieder mehr Zeit hierfür finden!

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Dienstags bitte kein Fahrrad fahren!

30. September 2014 · 7 Kommentare

Die Kölner Polizei hat sehr lustige Vorstellungen davon, wie man Fahrradunfälle minimieren und Gefährdungen für Radfahrer verhindern kann. Natürlich ist dies in erster Linie ein Helm, aber man hat in der Vergangenheit auch schon einen weiteren Schuldigen für Leid und Elend ausgemacht: die Sonne! Dazu kommt seit einiger Zeit ein weiterer Verdächtiger dazu: der Dienstag!

Seit einiger Zeit warnt die Kölner Polizei jedenfalls auf ihrer Facebook-Seite intensiv, daß dienstags zwischen 16:00 und 17:00 Uhr die “meisten Radfahrunfälle” passieren und fordert auf: “Darum immer, aber insbesondere dienstags von 16 bis 17 Uhr:  “Fahren Sie vorsichtig mit Ihrem Fahrrad und beachten Sie die Verkehrsregeln“.

Dienstag! (Screenshot: Facebook Polizei Köln)

Dienstag! (Screenshot: Facebook Polizei Köln)

 

Das Ganze ist natürlich mit einer versierten Grafik versehen, die Meldungen der letzten Wochen finden sich hier, hier und hier, sowie hier.

Bleibt also insgesamt zu hoffen, daß dienstags nicht auch noch die Sonne scheint und Radfahrer ohne Helm unterwegs sind, da schiene mir dann Desaster angesagt! Ich habe meine Konsequenzen schon gezogen: ich vermeide dienstags zwischen 16:00 und 17:00 Uhr das Radfahren und sollte somit auf der sicheren Seite sein!

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Kölner Logik

26. September 2014 · 15 Kommentare

In Köln versucht man sich derzeit an “Konzepten” für den Radverkehr. Vielleicht sollte man aber einfach erstmal die grundsätzlichen Dinge beherrschen. Diese Beschilderung kam mir gestern Abend in Neuehrenfeld unter die Räder:

(un)logisch!

(un)logisch!

 

Zur Info: es handelt sich hier noch nicht einmal um die üblichen “Altlasten”, sondern um eine neue Beschilderung aus jüngerer Zeit (diesen Sommer). Die roten Wegweiser des NRW-Radverkehrsnetzes haben übrigens StVO-Status, das heißt, sie werden von der Straßenverkehrsbehörde angeordnet, wie “reguläre” Verkehrsschilder auch. Tipp an die Kölner Polizei: hier geht die repressive Taktik gegen Radfahrer vollkommen auf, da wird gut Kasse zu machen sein – viel Erfolg!

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Meine Rede zur Fahrradsternfahrt: bildet kritische Massen!

15. Juni 2014 · 23 Kommentare

Liebe Kölner:

mein Name ist Marco Laufenberg, ich bin seit Mitte der 2000er Jahre parteilos fahrradverkehsrpolitisch aktiv. Seit 2008 schreibe ich in einem Weblog unter www.radfahren-in-koeln.de.

Ich sage es vorweg: ich habe überhaupt nichts gegen Autos, Autofahrer, Polizisten, Verwaltungsangestellte, Politiker, Bürgermeister, Busfahrer, usw. Ich habe höchstens etwas gegen Dummheit und Ignoranz unter diesen Personengruppen – und die mag es sogar unter Radfahrern geben. Und ich unterscheide in diesem Sinne im Straßenverkehrauch  nicht nach Verkehrsmittel, sondern zwischen Idioten und Nichtidioten.

Ich war einer von 20 Menschen, die am 25.6.2010 unter dem Banner “Critical Mass”, damals noch am Aachener Weiher, zu einer Radtour durch die Kölner Innenstadt starteten und dies seitdem an jedem letzten Freitag im Monat, mittlerweile ab Rudolfplatz, tun. Damals waren wir noch keine wirklich kritische Masse, denn die ist definiert durch die Masse an Menschen, in diesem Falle Radfahrer, die etwas, in diesem Falle den Verkehr, durch ihre Anwesenheit oder ihr Tun leitet, entschleunigt oder in eine Richtung bringt.

Ich war dabei,als aus dieser Gruppe von Radfahrern über die Monate jeweils am letzten Freitag im Monat 40, 60, 80 und schließlich über 100 wurden und eine Gruppe friedlicher, verkehrskonform radelnder Menschen tatsächlich die kritische Masse erreichte.

Ich war in den letzten vier Jahren aber auch mehrmals dabei, als eben diese Menschen von Dienern in Uniform mit den Worten “was machen sie hier?” (die Antwort darauf war denkbar einfach: “Fahrrad fahren”) angehalten, eingekesselt, festgehalten, die Ausweise kontrolliert, kriminalisiert, drangsaliert und wie Nazi-Demonstranten oder gewaltbereite Fußball-Hooligans mit mehreren Kameras abgefilmt wurden.

Ich selbst wurde im Januar dieses Jahres von drei Polizisten überwältigt und in Handschellen abgeführt, weil ich den 96cm breiten, völlig unzumutbaren und nicht benutzbaren “Radweg” am Hohenzollernring nicht benutzte.

“Naja, wie der Typ schon aussieht” oder “aber was hast Du denn gemacht?” könntet ihr jetzt sagen und selbst wenn ich Eure Skepsis sogar verstehen und Euch dann Details zur Verteidigung erläutern könnte – viel schlimmer wiegt für mich die Tatsache, daß -nachdem ich diesen Fall an die an Öffentlichkeit brachte- sich bisher ein Dutzend Menschen an mich wandten, mit den Worten “mir ist da was ganz ähnliches passiert”. Und das waren keine langhaarigen, subversivenGestalten, das waren “Lück wie Du un ich”, von der adretten blonden Studentin bis hin zum Senioren.

Ich habe noch ein paar weitere Beispiele in dieser Richtung, aber nur drei Minuten Zeit und ich möchte ungerne überziehen. Daher sage ich Euch einfach: laßt Euch nicht drangsalieren! Bildet kritische Massen, nicht nur einmal im Monat, sondern so oft es geht! Traut Euch und macht zusammen mit anderen den Mund auf, wenn ihr in die Ecke oder in die Gosse gedrängt werdet!

Im Amt für Straßen und Verkehrstechnik sitzen hauptsächlich die Verantwortlichen für eine eher klägliche und vor allem immer noch zu weiten Teilen illegale, weil keinen Gesetzen und Normen entsprechende Fahrradinfrastruktur. Dort werden handtuchbreite Wegelchen als benutzungspflichtig und somit die bequem zu befahrenden Fahrbahnen als für Radfahrer verboten deklariert. Die Konsequenz sind u.a. verheerende Unfälle zwischen Radfahrern und rechtsabbiegenden Kraftfahrzeugen, von denen die meisten hätten vermieden werden können. Man kann sich wehren und den Verantwortlichen in der Verwaltung Fragen stellen, Begründungen für Verbote erfragen und ähnliches. Das ist das gute Recht eines jeden Bürgers dieser Stadt.

Seit einiger Zeit nehme ich mir dieses Recht, die Antworten darauf sind beschämend: es wird vertuscht, desinformiert, verzögert und gelogen. Manche Antworten erhalte ich stark verzögert, manche überhaupt nicht. Manche erst, nachdem ich darüber öffentlich berichte. Meine Rechte als Bürger werden mißachtet, ja mit Füßen getreten und trotz einiger Erfolge, die meiner Hartnäckigkeit zuzuschreiben sind – es ist offensichtlich, was Menschen wie ich, engagierte Bürger, für die Oberen der Verwaltung sind: lästig!

Ich sage Euch: bildet kritische Massen! Nutzt Eure Rechte und fragt! Geht Euren Oberen, der Verwaltung und den Politikern auf die Nerven und lasst Euch nicht klein kriegen! Je mehr Menschen das tun, desto eher werden diese einsehen müssen, daß ihr Rechte habt!

Ich war dabei, als am 30. Mai diesen Jahres 620 Menschen friedlich und verkehrsform eine kritische Masse bildeten und mit ihren Fahrrädern durch Köln fuhren! Und ich werde dabei sein, wenn zukünftig Tausende dies einmal im Monat tun!

Ich sage Euch: lasst Euch nicht in die Gosse drängen! Bildet kritische Massen, nicht nur einmal im Jahr wie heute oder einmal im Monat, sondern jeden Tag! Ihr gehört nicht an den Straßenrand, hinter parkende Autos oder neben das Gebüsch, denn ihr – seid DER Verkehr!

Vielen Dank!

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7. Kölner Fahrradsternfahrt am kommenden Sonntag, den 15.6.2014

13. Juni 2014 · 3 Kommentare

Am kommenden Sonntag findet die mittlerweile 7. Kölner Fahrradsternfahrt statt. Wie schon im letzten Jahr habe ich mich bereit erklärt, den Zug ab Bergisch-Gladbach über Refrath nach Brück zu führen, von wo aus wir dann nach Zusammenführung mit einer anderen Route weiter in Richtung Innenstadt fahren werden.

Neu ist in diesem Jahr, daß ich außerdem als Redner für einen kurzen Beitrag auf der Bühne der Abschlußveranstaltung stehen werde.

Ich freue mich sehr über viele Mitradler ab Bergisch-Gladbach, falls jemand mich auf meinem Weg von Köln-Mülheim dorthin begleiten möchte, kann er mich um 10:30 Uhr am Bahnhof Mülheim treffen. Zur Verabredung gerne hier kommentieren oder eine e-Mail schreiben.

Wir werden garantiert keine “Radwege” benutzen (müssen), haben Musik dabei und sind auch sonst gut gelaunt! Das ist der Fahrplan:

11:30 Uhr – Bergisch-Gladbach Marktplatz

11:55 Uhr – Refrath Marktplatz

12:20 Uhr – Brück Marktplatz (Zusammenführung mit Route 5)

Danach geht es dann weiter in die Innenstadt, wo alle Routen zusammengeführt werden, Details gibt es auf der Website der Sternfahrt.

Ich freue mich auf Euch und eine schöne Sternfahrt!

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Zwischenfälle (03): Spektakel vor Gericht!

29. Mai 2014 · 36 Kommentare

Am Montag, den 26.5.2014 war es dann soweit. Wie berichtet, stand Thomas S. vor Gericht, weil er den (nicht benutzungspflichtigen) Radweg auf der Venloer Straße nicht benutzt hatte und ein übergesetzestreuer Ordnungshüter meinte, dies -wohl eher rabiat und auch mit, vorsichtig ausgedrückt, unlauteren Mitteln- sanktionieren zu müssen.

Ich betrat den Verhandlungssaal einige Minuten früher und lauschte der vorherigen (ebenfalls öffentlichen) Verhandlung, um mir ein Bild von der Richterin, Frau Dr. S., machen zu können. Es ging um ein recht hohes Bußgeld und ein nicht unerhebliches Fahrverbot für einen Mann, der wohl mit einigen km/h zuviel mit seinem Kfz geblitzt worden war und dessen Anwalt deutlich um jeden Tag weniger Fahrverbot kämpfte. Nur soviel: die Dame hatte für mein Befinden ein ganz ordentliches Herz für den Sünder, als sie das Urteil verlas und begründete.

Dann war Thomas S. dran. Die drei Reihen des Saales füllten sich fast komplett, es waren gut 20 Menschen, darunter offensichtlich viele Radfahrer und auch einiges an “fahrradengagierter Lokalprominenz”, sowie ein grauhaariger Polizist, der meinte, er wäre “interessierter Zuhörer” in Begleitung seines “Kollegen”. Vielleicht hat die PI3 Köln-Ehrenfeld ja bereits Fortbildungsmaßnahmen eingeleitet.

Das Ergebnis der Verhandlung möchte ich vorwegnehmen; das Verfahren wurde gemäß §47.2 OWiG eingestellt. Thomas S. muß die insgesamt 35.- Euro, die die Stadt Köln von ihm haben wollte, also nicht bezahlen. Es war tatsächlich Presse anwesend (Thomas hatte ein paar Redaktionen angeschrieben) und so berichtete auch der Kölner Stadtanzeiger direkt am Dienstag unter dem Titel “Müssen Radfahrer Radwege nutzen?“, daß Thomas “Recht” bekommen hätte. Dies ist allerdings leider nur die halbe Wahrheit.

Die Verhandlung begann mit der Aufnahme der Personalien von Thomas S. (den ich bis dato übrigens nicht persönlich, sondern nur aus Mails und per Kontakt in sozialen Netzwerken kannte). Als es dann bald an die Details des Falls ging, war mir recht schnell klar, welche Absicht die Richterin Frau Dr. S. verfolgte, denn sie fragte zuerst, “wo sind sie lang gefahren?“. Thomas gab an, daß er vom Ehrenfeldgürtel aus Richtung Melaten gekommen und dann am McDonalds über den Überweg nach links in die Venloer Straße abgebogen wäre. Mir kam direkt in den Sinn, daß es in der Venloer Straße vor dieser Kreuzung (also bevor er in die Straße einbog) noch ein (unsinniges) VZ237  gibt und das, obwohl -laut Stadt Köln und dem Büro des “Fahrradbeauftragten”- die Benutzungspflicht auf der Venloer Straße zwischen “Fuchsstraße und Leyendeckerstraße” bereits “1999 aufgehoben” wurde.

12 Meter RWBP auf der Venloer Straße

12 Meter Benutzungspflicht

 

Nun wurde es aber doch noch grotesk und -wenn es nicht so traurig wäre- eigentlich ganz lustig, denn der Beamte, Herr W., wurde in den Zeugenstand gerufen. Ganz klar: der Beamte ist Zeuge und kein Angeklagter, dessen mußte sich Thomas bewußt werden, der -durchaus verständlich- das Verhalten von Herrn W. (ausbremsen, etc.) und generell den Disput wie im ersten Artikel beschrieben zur Sprache bringen wollte und in seine Befragung des Zeugen einfließen ließ. Hierum ging es aber nun einmal nicht. Thomas war beschuldigt, eine Ordnungswidrigkeit begangen zu haben und Herr W. sollte dies bezeugen. Er verstrickte sich -was den Disput anging- auch in einige kleinere Widersprüche, die aber nicht weiter erötert wurden und gab dann schließlich so einiges unglaubliches zum Fall von sich: er “wußte nicht, daß das Stück nicht als Radweg deklariert” ist (um das noch einmal klar zu machen: es handelt sich um den Abschnitt vor seiner Arbeitsstelle, den er mutmaßlich mehrmals täglich passiert!), außerdem befindet sich ja ein “Radwegsymbol auf dem Radweg” (er meinte ein Fahrradpiktogramm). Der Vorgang fand im Herbst statt, es war “Novemberwetter“, dunkel und “neblig” und das “Radfahren gefährlich“, deswegen wollte er Thomas darauf hinweisen: “fahren Sie auf dem Radweg“. Wegen der Sicherheit.

Hält Polizist für benutzungspflichtig

Das hält ein Kölner Polizist für benutzungspflichtig.

 

Nach diesen Bemerkungen schüttelte der Großteil der Zuhörer ziemlich ungläubig die Köpfe. Denkt man als Laie, daß “Verkehrspolizist” die unterste Stufe in der Hierarchie und Qualifikation wäre, liegt man damit scheinbar falsch. Gott, ich bin heilfroh, daß ich als Radfahrer gesund durch den gefährlichen Herbst gekommen bin! Die Kollegin des Beamten, Frau D., war leider nicht anwesend – warum, wurde nicht klar. Sie hätte sicherlich noch etwas zur Art und Weise der Feststellung der Owi -wo Thomas sichtlich etwas dran lag- beitragen können. Die Richterin machte nun aber -nach ca. 20 Minuten- direkt klar, daß sie das Verfahren einstellen werde und begann mit ihrer Begründung. Ihrer Meinung nach besteht nämlich sehr wohl eine Radwegebenutzungspflicht auf der Venloerstraße, denn das (weiter oben gezeigte) Schild (das ca. 10-12 Meter bis zur Kreuzung als benutzungspflichtig anordnet) gilt, solange es da steht, egal ob die Stadt Köln meint, die RWBP wäre zwischen Fuchsstraße und Leyendeckerstraße aufgehoben oder nicht. Frau Dr. S. geht aber noch weiter, denn sie behauptet, daß generell die “Radwegebenutzungspflicht gilt, bis sie aufgehoben wird” und zwar auch über eine Kreuzung hinaus. Diese Aufhebung müsse mit dem Zusatzschild “Ende” geschehen. Sie machte klar, daß sie das Verfahren nur einstelle, weil Thomas dieses VZ237 nicht gesehen habe, er war ja vom Ehrenfeldgürtel aus gekommen. Jetzt hätte er aber Kenntnis von diesem Schild und müsse den “Radweg” zukünftig benutzen. In einem Verfahren über eine neuerliche dortige Fahrbahnnutzung würde sie ihn also zur Zahlung des Bußgeldes verurteilen.  Die Richterin sagte dann, “das Problem ist, die Stadt verhält sich widersprüchlich“.

Was also -so schreibt es ja auch der KStA- erstmal offenkundig nach “Thomas hat Recht” aussieht, ist alles andere als ein Sieg, denn die Absicht war klar: vor Gericht festzustellen, daß der Radweg in keinem Falle benutzt werden MUSS. Entsprechend war auch die Enttäuschung bei allen fahrradaffinen Zuhörern, was wir mit einigen danach noch bei einem Kaffee diskutierten.

Thomas hat zwischenzeitlich ein Schreiben an diverse städtische Dienststellen aufgesetzt, in dem er auf das Verfahren und die Meinung der Richterin verweist und fordert die Entfernung des VZ237 entsprechend der Argumentation von Frau Dr. S.

Ich bin da etwas anderer Meinung. Richtig ist tatsächlich, daß der Passus in den Verwaltungsvorschriften zu § 2 Abs. 4 StVO, der eine erneute Beschilderung nach Kreuzungen und Einmündungen vorgeschrieben hat, seit dem 1.9.2009 gestrichen ist. Hierbei gibt es aber einiges zu Bedenken, denn -laut Mitteilung des Bundesverkehrsministeriums- geschah dies ausschließlich, um den “Schilderwald auszulichten”. Zudem regelt die VwV Zu den Zeichen 237, 240 und 241:  “Wo das Ende eines Sonderweges zweifelsfrei erkennbar ist, bedarf es keiner Kennzeichnung. Ansonsten ist das Zeichen mit dem Zusatzzeichen „Ende” anzuordnen.” – da irrt die Richterin also mit der Argumentation, daß die Anordnung generell gilt, bis sie “aufgehoben wird”. Der “Radweg” ist vor der Kreuzung baulich angelegt, danach gehwegbegleitend. Dazu kommt außerdem, daß “die Benutzung des Radweges nach der Beschaffenheit und dem Zustand zumutbar sowie die Linienführung eindeutig, stetig und sicher” sein muß. Dazu muß er “ausreichend breit, befestigt und einschließlich einem Sicherheitsraum frei von Hindernissen beschaffen” sein und “die lichte Breite (befestigter Verkehrsraum mit Sicherheitsraum) soll in der Regel dabei durchgehend” 2,00 Meter, mindestens 1,50 Meter betragen. Daß dies alles nicht der Fall ist, sieht man auf den Fotos deutlich und es sollte klar sein: niemand muß (und darf!) sich selbst und andere gefährden, auch nicht durch Schein-Verwaltungsakte.

Und wenn die Richterin, Frau Dr. S., zum Ausdruck bringt, “die Stadt verhält sich widersprüchlich”, dann gilt eben nicht permanent die Ausnahmeregelung des §2.4 StVO, sondern der Normalfall und der wird in §2.1 StVO geregelt: “Fahrzeuge müssen die Fahrbahnen benutzen, von zwei Fahrbahnen die rechte.

Fazit: über die Kenntnisse der StVO des Polizisten braucht man eigentlich nichts mehr zu schreiben. Alleine die Tatsache, daß er eine Benutzungspflicht des Radweges von einem aufgepinselten Fahrradpiktogramm ableitet (das hat verkehrsrechtlich genausoviel zu sagen wie aufgemalte lila Blumen), spricht Bände und macht ihn -Entschuldigung- nichts anderes als lächerlich. Bleibt zu hoffen, daß keine Kölner Streetartkünstler auf die Idee kommen, Ehrenfelder Bürgersteige mit Fahrradpiktogrammen zuzupinseln …. Ich fände es angebracht, den Kollegen in der Dienststelle Ehrenfeld (die dem Vernehmen nach diesbezüglich schon öfters reichlich unversiert aufgetreten sind) eine Ausgabe von Dietmar Kettlers “Recht für Radfahrer” zu stiften, der Polizeidienststellen auch als konkrete Zielgruppe seines Rechtsberaters sieht.

Der Richterin des Amtsgerichtes ist die Rechtslage und wohl auch besonders der Grund der Novelle der StVO von 1998 nicht ganz klar. Sie sieht nämlich mitnichten den Grundsatz “Fahrzeuge müssen die Fahrbahnen benutzen, von zwei Fahrbahnen die rechte.” sondern “Fahrradfahrer müssen Radwege benutzen“. Insofern ist es sicherlich schade, daß das Verfahren eingestellt wurde, denn es wäre ein (noch) deutlich(er)es Zeichen gewesen, hätte ein (ggf. höheres) Gericht eben noch einmal explizit festgestellt, daß der “Radweg” auf der Venloer Straße nicht benutzt werden muß. Es wäre also gar nicht mal verkehrt, würden möglichst viele vergleichbare “Radwege” zukünftig nicht benutzt und Bußgeldern widersprochen werden, um ähnliche Fälle vor Gericht zu bringen – dann mit hoffentlich deutlicheren Urteilen.

Immerhin: der “Kölner Stadtanzeiger” nimmt das Urteil zum Anlaß für weitere, durchaus interessante Artikel: Viele Radwege sollen verschwinden und Rechte und Pflichten für Radfahrer (letzteres leider auch eher vom Praktikanten ergoogelt).

Ich gehe davon aus, daß die Kosten des Verfahrens die Stadt Köln, also letztlich die Allgemeinheit, trägt.

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