Mit dem Fahrrad in und um Köln

Ein Watchblog für Kölner Radverkehrspolitik

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Mit Strichlisten und Warnkärtchen gegen Geisterfahrer

Dezember 4th, 2017 · 5 Kommentare

Die Problematik der gegen die Fahrtrichtung fahrenden Radfahrer ist in Köln (und sicher auch anderswo) keine neue, genauso wie die Tatsache, daß (viel zu) viele Radfahrer auf Gehwegen fahren, wo sie andere und sich selbst in Gefahr bringen – vermutlich, weil sie Angst haben, mit ihrem Fahrzeug am „richtigen“ Verkehr teilzunehmen.

Neu ist jedoch, wie nun dagegen vorgegangen wird. Seit ich aktiv bin, fast eine Dekade, sind die Behörden -Stadtverwaltung und Polizei- nicht fähig und/oder willens etwas gegen Geisterfahrer zu unternehmen, im schlimmsten Fall fördern sie diese sogar noch.

Auf der Mülheimer Brücke, schon immer ein Hotspot für Geisterfahrer, über den ich regelmäßig berichtete, werden dann und wann Geschwindigkeitskontrollen des Kfz-Verkehr durchgeführt. So auch vor einigen Wochen. Bei meiner Überfahrt der Brücke begegnete ich 6 Geisterfahrern, einem davon -man kann durchaus von einem Beihnahezusammenstoß sprechen- direkt vor den Augen der Polizisten, was mich veranlasste, anzuhalten und sie zu fragen, ob sie da nicht mal tätig werden könnten (sie hatten den Vorfall tatsächlich beobachtet).

Die Antworten -ich erwartete die übliche Ausrede, „wir haben hier anderes zu tun“- verblüffte mich dann einigermaßen: „wir führen ja bereits eine Strichliste!“. Und weiter: „die Kölner Fahrradverbände halten das aber für Abzocke, wenn wir hier Radfahrer verwarnen, deswegen machen wir das nicht“.

Nun ja, selbst wenn es im Kölner ADFC vereinzelt Leute und Meinungen gibt, die Gehweg- und Geisterradeln in bestimmten Situationen durchaus propagieren, kann man fest davon ausgehen, daß -ich bot eine Wette mit dem Einsatz einer „guten Flasche Rotwein“ an- bei Geisterfahrerkontrollen auf der Mülheimer Brücke kein „Radfahrerverband“ von „Abzocke“ sprechen würde, im Gegenteil. Zudem war mir neu, daß die Kölner Polizei tatsächlich auf Radfahrer hören würde, in der Vergangenheit tat sie das zumindest höchst selten bis generell gar nicht.

Was die Strichliste denn richten solle, fragte ich selbstverständlich noch. „Dann wissen wir, wieviele Radfahrer hier gegen die Fahrtrichtung fahren!“, teilte man mir mit. Das ist in dem Sinne höchst interessant, als daß man das in der Verkehrsdirektion der Kölner Polizei eh weiß. Schließlich wird sie immer und immer wieder darauf hingewiesen und das gescheiterte „Sicherheitsbündnis“ Velo 2010 unter Führung der Kölner Polizei hatte vor rund 10 Jahren dort bereits eine Fahne als Warnung vor dem Unfallschwerpunkt mit der Anzahl der bis dahin getöteten Radfahrer (2) durch Geisterfahrerunfälle aufgehängt. Nun gut.

Ein paar Tage später las ich dann, daß der ADFC Köln zusammen mit der Kölner Polizei „auf Streife“ gehen würde, um Geisterradler auf den Kölner Rheinbrücken auf ihr Fehlverhalten hinzuweisen. Eine kumpelhafte Art, „auf Augenhöhe“ sozusagen, die bei Radfahrern wohl für Verständnis sorgen sollte, handelt es sich bei den Ahndenden doch schließlich um die Ihrigen. Entsprechend gab es auch keine Bußgelder, sondern … Warnkärtchen! Der Grundschüler und der Pädagoge kennt das vielleicht noch. Aus dem schicken Rheinboulevard könnte man bestimmt auch eine schicke „stille Treppe“ machen.

Nun ja, prinzipiell finde ich den Gedanken ja gar nicht verkehrt, ABER ich stehe -auch aus eigener Erfahrung- tatsächlich auf dem Standpunkt, daß die allermeisten Sünder letztlich nur auf Dauer einsichtig sind, wenn es ihnen an die Geldbörse geht. Ohne wenn und aber. In diesem Sinne muss ich auch meine Einleitung revidieren, denn ganz so neu ist diese Art der Kooperation doch nicht, bereits anfang der 2000er Jahre gab es solche Partnerschaften, man bemerkte, daß „das Fahren entgegen der Fahrtrichtung auf dem Radweg […] kein Kavaliersdelikt“ ist, sondern „ein erhebliches Gefahrenpotential für alle Verkehrsteilnehmer“ in sich birgt und von einer „eklatanten Rücksichtslosigkeit“ zeugt. Das Resumee der dritten Aktion im Jahre 2002 von Polizei, Stadt Köln und ADFC im Rahmen der Ordnungspartnerschaft liest sich dann so:

Bei den Aktionen im Rahmen der Ordnungspartnerschaften spricht die Polizei keine gebührenpflichtigen Verwarnungen aus, sondern versucht es mit Appellen an die Einsichtsfähigkeit der ertappten „Sünder“. Das scheint kaum jemanden zu beeindrucken. Wahrscheinlich kann ein Effekt erst erzielt werden, wenn „et an de Nüselle jeit“.
Wer das –mein Reden!– sagt? Nun ja, einer der Ordnungspartner selbst, der ADFC Köln. (Quelle: „FahrRad!„, Mitgliederzeitung des ADFC, Ausgabe 2/2002, Seite 12)
In diesem Sinne wünsche ich viel Glück, daß diese Aktionen Erfolg haben (was mich tatsächlich sehr freuen würde, immerhin wurden insgesamt 243 Geisterfahrer dingfest gemacht!), mag da aber auch nicht so ganz dran glauben. Was mich aber doch noch interessieren würde: bei der Aktion musste ja zwangsläufig Infrastruktur begutachtet werden und diese lädt nicht nur oftmals zum Geisterradeln ein, bzw. verwirrt durch unklare Führung, sondern ist in vielen Fällen als jahrzehntelange Altlast illegal, nämlich als benutzungspflichtig angeordnet, bzw. wird oft genug sogar noch aktuell angeordnet (aktuelles Beispiel folgt in einem zukünftigen Artikel). Begutachteten die Beamten also Radverkehrsanlagen, wie es gemäß VwV-StVO zu §45.9 (qualifizierte Gefahrenlage), bzw §2.4 (Maße, Beschaffenheit, Führung, etc.) „bei jeder sich bietenden Gelegenheit“ ihre Pflicht ist?
Ganz richtig schreibt die Polizei in ihrer Pressemitteilung zu der Aktion ja treffend: „Zu enge Radwege für den Begegnungsverkehr, eingeschränkte Sicht durch Hindernisse und gefährliche Ausweichmanöver, wenn ein Radfahrer unerwartet entgegenkommt, führen zu schweren Unfällen.“, während die Stadtverwaltung Radfahrer aber über genau solche „Infrastruktur“ schickt. Natürlich frage ich bei der Poliezi mal nach, was bei ihrer Begutachtung herausgekommen ist.
Die Grafik auf den Warnkärtchen ist übrigens keine Kölner Erfindung, wie es teilweise dargestellt wurde, sondern wohl eine der Verkehrswacht Regensburg. Vergleichbare Aktionen gab es schon vor Jahren in Süddeutschland, mit dem Ziel „präventiv zu wirken„. Ob dies dort gelungen ist, ist mir nicht überliefert, aber wohl durchaus zu bezweifeln.
Hier noch ein kleiner Pressespiegel zur Aktion in Köln:
– koeln.de: „Geisterradeln“ – gemeinsame Aktion von ADFC und Polizei (24.10.2017)
– „Kölnische Rundschau“: Aktion gegen Geisterradler Polizei und Fahrradclub ADFC klären gemeinsam Radfahrer auf
– „Kölnische Rundschau“: Kölner Brücken Polizei und ADFC halten bei dreitägiger Kontrolle 243 Geisterradler auf
– Bericht in der WDR Lokalzeit (im ADFC Youtube-Kanal)
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Tags: Allgemein · Mülheim · Mülheimer Brücke · Polizei · Radwege · Zoobrücke

5 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 siggi // Dez 4, 2017 at 20:27

    Der Radweg durch den S-Bahn Tunnel in Köln Stammheim wurde 2009 auch linksseitig für benutzungspflichtig erklärt. Eine Todesfalle für Radfahrer.
    http://www.siggis-seiten.de/Panos/S-Bahntunnel/Tunnel.html
    Einen S-Bahntunnel weiter, am Bayerwerk, wurde ich schon zwei mal von der Polizei gestoppt weil ich nicht den Radweg durch den Tunnel benutze.
    Der Grund ist, dass mir im Tunnelradweg alle Radfahrer, die früh zur Schicht/Bayerwerk fahren, als Geisterfahrer entgegen kommen.
    Für die Geisterfahrer dort hat sich die Polizei bis jetzt nie interessiert. Ich habe, trotz dieser Geisterfahrer, nichts auf der Fahrbahn zu suchen.

    Ich fahre dort täglich, seit 27 Jahren, von Köln nach Leverkusen/Schlebusch zur Arbeit. Also praktisch entgegengestzt zum Bayer Schichtverkehr.

    Sicherheit interessiert doch niemanden mehr in dem Moment wo der ein Fahrrad benutzt.
    Hauptsache der fährt den Autos nicht im Weg rum.

  • 2 Jupp // Dez 5, 2017 at 13:05

    Das sind ja schlimme Warnkärtchen, so was will man bestimmt nicht haben.
    Aber wenigstens gibt es keinen Eintrag ins Klassenbuch, das wäre wirklich schlimm.

    Was denken sich die Heinis eigentlich? Der gemeine Radfahrer ist nicht besser und nicht schlechter als der gemeine KFZ-Fahrer.
    Und was bei dem einen nicht ohne Griff in den Geldbeutel funktioniert, das funktioniert bei dem anderen auch nicht.
    Der einzige, allerdings gravierende, Unterschied ist, dass Führer von KFZ nicht so ignorant auf´s Glatteis geführt werden wie Radfahrer.

  • 3 Detlef // Dez 7, 2017 at 15:56

    Hmm – ich stimme Dir zu, dass Geisterradler eine durchaus ernstzunehmende Gefahr darstellen.
    Aber wenn man sich schon die Mülheimer Brücke mit dieser Intensität vornimmt, dann sollte viel stärker auf die mangelhafte Verkehrsführung eingegangen werden. Insbesondere auf die bereits erfolgte Festlegung, dass für Radfahrer bei dem kommenden Renovierung der Brücke nichts verbessert wird. Sinnvoll wäre hier der Verzicht auf je ein Fahrspur für die Autofahrer. Dann könnten die Radfahrer auf jeder Seite der Brücke durchaus beide Richtungen nutzen.
    Das scheint mir ein viel sinnvollerer Weg zu sein, als nach Strafe und Abschreckung zu rufen.

  • 4 Peter Zapp // Dez 8, 2017 at 22:35

    Unsere kommunalen Obrigkeiten können schlecht ein Verhalten bestrafen, das sie andererseits selbst und trotz besseren Wissens anordnen.

    Wer kennt keine als in beiden Fahrtrichtungen benutzungspflichtig ausgewiesene Radwege, manchmal gemeinsam mit Fußgängern, die dafür viel zu schmal sind oder dazu noch anderweitige Mängel aufweisen?

  • 5 mkorsakov // Dez 9, 2017 at 09:53

    In der sog. »Fahrradhauptstadt« Münster (Westf.) wurden die Geisterradler-Schilder vor mehr als vier Jahren auch gesichtet; in der Zwischenzeit haben sich die Schilder aber wohl wieder verflüchtigt, zumindest das fotografierte gibt’s an Ort und Stelle nicht mehr.

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